Ich bin hier

Liebe Juni,

ich bin hier und warte auf Dich – aber das weißt Du ja! Vielleicht habe ich einen letzten Satz für Deine Geschichte gefunden:

„Draußen, weit im See, zog er die Ruder ein.“

Komm bald,
Deine Clara

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Wohin ist er gegangen?

Liebe Clara,

sie finden ihn nicht!

All das will ich jetzt gar nicht aufschreiben. Ich werde Dir soviel zu erzählen haben – wem sonst könnte ich das alles erzählen?

Ich stehe am See – und ich stehe auch an Deinem See – und ich denke: Wo ist er? Wohin ist er gegangen?

Seine letzte Notiz habe ich hierher mitgenommen:

Text von Patrick:

Ich hoffe, ich komme noch oft genug zurück, um die Kraft zu schöpfen für den nächsten Gang, und sei versichert: In keinem kalten stillen Toten wirst du mich erkennen können.

Viel zu groß ist meine Lust, trotz all der Umstände, die immer wieder dabei entstehen, die in der Nähe der Ufer wartenden Frauen anzutreffen und mich in ihren Körpern, ihren Seelen, ihrer Erotik und Weiblichkeit, ihren Geheimnissen, ihrer Nässe und ihren Lauten zu verlieren – und zu gewinnen. 

Der Preis für dieses Leben ist mal das kalte Wasser des Sees, aber ab und zu auch die sich verflüssigende Wärme, mit der mein Gegenüber sich über mich ergießt: lustvoll, tröstlich, außer sich, ungehemmt. Und dafür lohnt es sich, die Drachen der Vergangenheit in Schach zu halten.

Bis bald,
Juni

Die Frau, die nach Wasser riecht

Liebe Juni,

nun bist Du also auf dem Weg zum See und ich weiß nicht, ob und wann Du Deine Emails wieder abrufen wirst – als wärst Du mit einer Postkutsche unterwegs vor sehr langer Zeit. Und während Du in dieser Kutsche sitzt, trifft hier bei mir eine Nachricht ein von meinem alten Freund, der schon im Frühjahr den „Mann im See“ zu lesen bekam und mir im Juni dazu schrieb. Ihm hatte ich natürlich auch die „Frau im See“ geschickt; und heute nun schreibt er:

Es hat ein bisschen länger gedauert, aber ich wollte das nicht so nebenher erledigen.

Was mir im Text gleich auffällt – das erste Auftauchen der Frau im See geschieht ziemlich nebenbei, ohne ein einleitendes „plötzlich“ oder „mit einem Mal“. Ich weiß nicht, ob ich mir da eine stärkere Akzentuierung wünschen soll, denn es verändert ja die Situation, in der sich der Mann befindet, vollkommen. Das Ritual, an diesem Stein zu lehnen und auf einen See zu schauen, auf dem nichts passiert, wird an diesem Abend, in diesem Moment durchbrochen dadurch, dass sich da etwas ereignet – und es ist nicht nur ein Fisch, der kurz an die Wasseroberfläche stößt, es ist ein Mensch, und mit dem beginnt ja erst die eigentliche Geschichte. (Die Frage, die sich mir stellt – hört man wirklich am Geräusch des Einatmens, dass da eine Frau im Wasser ist?)

Ich weiß nicht, ob es in der anderen Version der Geschichte schon so stand, aber ich finde den Moment sehr schön, als er in der zweiten Nacht an seinem Stein steht und auf die Frau auf dem See wartet, die doch aber schon in seinem Bett liegt. Das ist die Andeutung eines Geheimnisses. Ein Zeichen, dass der Mann vielleicht doch nicht so gern allein ist, wie er sagt. Dass er die ganze Zeit auf etwas wartete.

Ich finde auch schön, dass die Frau „nach Wasser“ riecht. Das kann man nämlich, auch wenn alle Welt sagt, Wasser sei geruchlos.

Die Szene, in der beide miteinander schlafen, finde ich auch in dieser Version gelungen, wenn ich auch das eine oder andere schwierig finde, weil es so zwischen Stilebenen hin- und herzittert. Was ich noch schön finde – als der Mann, im Impuls, den „Kuss zu schützen“, seine Hand in den eigenen Nacken legt.

Insgesamt denke ich, dass die Geschichte ganz sicher auch mit der Frau als Protagonistin funktioniert. Ich überlege noch und bin nicht sicher, welche Variante den größeren Reiz hat und woran das festzumachen wäre. Vielleicht würde tatsächlich eine FRAU im See das größere Geheimnis bergen? Es gibt so viele Männer in Geschichten, die vor etwas fliehen und irgendwo stranden. Ausgebrochene Sträflinge, Partisanen, Entführte, Grenzübertreter, Schmuggler, Zeitreisende. Immer Männer. Eine Frau mit einem Geheimnis scheint mir seltener.

Das Erstaunlichste und ein möglicher Schlüssel für die Geschichte scheint mir immer noch der letzte Satz. Die Aussage „Ich kenne diese Frau nicht.“ Ich habe das ja schon in der anderen Variante so gelesen, dass das ganz Verschiedenes bedeuten kann. „Nicht kennen“ heißt ja nicht zwingend „nie gesehen“. Und selbst wenn die aufgefundene Tote tatsächlich die Frau wäre, die der Mann beherbergte (was ja nicht fest steht) – es ist ja möglich, dass sie ihm nach ihrer Begegnung fremder schien als zuvor. Weil er nicht fragte und auch nicht erfuhr, wo sie herkam und wohin sie ging. Er kennt sie nicht. So viel steht fest.

Ich habe mich so gefreut über seine Zeilen und darüber, daß er sich die Zeit nimmt dafür. Und nein, es ist nicht wie bei Dir und Patrick – aber seltsam genug, weil ich schon lange empfinde, daß ich ihn eigentlich verloren habe. Es wurde nur noch nicht ausgesprochen.

Aber dies ist eine andere Geschichte. Eine andere Geschichte, die zur gleichen Zeit stattfindet; wie es immer ist: Gleichzeitigkeit.

Und so, wie Du Patrick am See nicht finden wirst – verzeih‘ mir -, so ist eben niemand zurückzuholen und aufzuhalten. Und doch will ich glauben, daß wir die Fäden in der Hand behalten können. Nicht, um Marionetten zu führen, sondern um die Verbindung zu halten.

Und gleichzeitig denke ich an Dich,
Deine Clara

Ich hätte ihn umarmen sollen

Text von Patrick:

Vergessen ist eine schwierige Sache.

Ich habe euch geliebt; vieles hätte ich gegeben für das Gefühl, von euch geliebt zu werden. Ich bin gegangen. Genauso mühsam, wie ich mit euch gelebt habe, habe ich versucht, ein anderes Leben, ein eigenes Leben zu leben.

Ich erfahre immer wieder, dass die Welt voll kleiner Helden ist.

Atlantis habe ich nicht gefunden, aber ein paar Teile davon. Die Drachen der Vergangenheit sollten tot sein – aber sie leben ihr schreckliches Leben weiter in mir, heben die Köpfe und tauchen plötzlich auf aus der grauen Kälte, quälend und vieles überschattend. Sie sind nicht kleiner geworden, aber ich bin gewachsen. Ich weiß, dass sie nur noch in meinen Gedanken leben – und ich bin mehr als diese Gedanken.

Liebe Clara,

Deine Nachricht erreichte mich gerade jetzt noch, wo ich meinen kleinen Koffer packe: Ich werde an den See fahren!

Nach unserem Telefonat war ich dazu schon entschlossen – und jetzt schreibst Du mir das. Also fahre ich und habe große Angst. Aber mach’ Dir keine Sorgen, ich melde mich bei Dir.

Gestern Nacht habe ich dies noch geschrieben:

Patrick hatte sich verabschiedet: Er sah müde aus, wirklich urlaubsreif. Für einen Erholungsurlaub fehle ihm die innere Ruhe, lachte er – man habe ihm mehr sportliche Aktivität empfohlen, das sei gut gegen zuviel Denken; also werde er jetzt abtauchen.

Ich habe ihm nachgesehen, habe gedacht, dass dieser traurige, leicht gebeugt gehende, etwas ziellos wirkende Mensch in so vielen Gesichtern die Gleichgültigkeit und das Desinteresse gesehen hat, daß er darüber blind geworden war, vielleicht mangels besserer Gelegenheit zur Ausrichtung seiner Gefühle verliebt war in sein Unglück. Ich hätte ihn umarmen sollen.

Ob das wohl alles sein wird?

Denk an mich,
Juliane

Jemand atmet

Liebe Juni,

ich wollte es neulich am Telefon nicht sagen, ich wußte nicht, wie Du reagieren würdest, oder besser gesagt, ich hatte Angst vor Deiner Reaktion:

Solltest Du nicht doch hinfahren, wenn sie jetzt noch einmal nach ihm suchen, wie Du mir erzählt hast?

Letzte Nacht träumte ich, in meinem Bett läge ein fremder Mann: Im Traum erwachte ich, weil ich jemanden atmen hörte, der hinter mir lag. Als ich mich vorsichtig umdrehen wollte, um zu sehen, wer es ist, griff der Mann mit beiden Armen nach mir, wirbelte mich herum und zog mich auf seinen Körper; nur, um mich gleich wieder an seine Seite heruntergleiten zu lassen, ganz vorsichtig in dieser Bewegung. Ich war so erschrocken, daß ich ganz still liegenblieb, in seinen Armen. Es war dunkel, ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er roch gut und hielt mich sanft und fest. Mein Herz schlug so schnell, daß ich einen Moment brauchte, aber dann hob ich den Kopf und fragte: Patrick? Und wachte sofort auf –

Du hast gesagt, daß Du Dir nicht vorstellen kannst, was für einen Schlußpunkt Du setzen sollst. Vielleicht würdest Du etwas in der Art dort finden, an diesem See? Ich denke jedenfalls, daß die Geschichte zu Ende geht – stimmt das?

Herzlich,
Clara

Nichts und niemand

Liebe Clara,

dann machen wir so weiter, ja?

Text von Patrick:

Ich erinnere die Rückkehr von einem Rendezvous, einem harmlosen Treffen mit anderen Pubertierenden. Die Mutter prügelt mich im Treppenhaus zusammen, als sei ich ein heimkehrender Ehebrecher, Schaum vor dem Mund. Ich möchte sie erschlagen.

Ich erinnere meine Tränen, als die erste große Liebe beendet ist, lange zurückgehalten laufen sie mir doch über das Gesicht. Spöttisch-schallendes Gelächter der Mutter: Wie blöde ist der junge Mann, um beendete Liebe zu weinen! Mehr als zehn Jahre hört der junge Mann die Mutter weinen – um den Mann, der sie verlassen hat.

Banal, was übrig blieb auf dem Schafott seiner Träumereien – Modeschmuck; was aus den Götter- und Heldensagen, aus Gedicht und Prosa, Bild und Farbe, liebevollem Arrangement und aufrichtiger Mühe um ein Gegenüber wurde: Er sollte sich selbst mehr lieben, selbst mehr achten. Er mußte sich selbst freisprechen.

Der vor langer Zeit begonnene Weg zu sich selbst mußte allein gegangen werden. Nichts und niemand würde ihn begleiten auf dem Weg nach innen, könnte die Suche nach der verlorenen Zeit zu einem erfolgreichen Ende bringen; die Schmerzen, die Trauer vermeiden.

Text von Patrick:

Ich erinnere die Sehnsucht nach einer Welt im Licht, nach Wärme und leisen Tönen, Sicherheit und Lächeln – ich erinnere das rohe Gelächter, wenn ich am Boden war.

Ich erinnere die Treffen mit dem Vater: Kaffee, Kuchen, Kino im Sonntagsanzug – der „Gott“ spendiert, der „Gott“ gibt Ratschläge, Warnungen, Moralpredigten und Leistungsanreize. Später gibt es eine neue Frau und einen neuen Bruder, noch später eine neue Scheidung – auch diese(r) Frau war Gott nicht genug. Ich bin schon alt genug, dem jammernden Gott eine Stütze zu sein – böse Welt, böse Frauen…

Ich erinnere mein Bemühen um einen befriedigenden Kontakt zu allen Teilen dieser defekten Familie; als einziger, der noch mit allen sprach, verantwortlich für alle und alles. Jeder lädt bei mir ab, was an Ressentiments da ist und macht mir zugleich zum Vorwurf, diese Ressentiments nicht zu teilen – subtile Aggression auf allen Seiten.

Sei umarmt!
Deine Juliane

Woran wir uns abarbeiten

Liebe Juni,

ich frage mich schon, woran wir uns hier eigentlich abarbeiten?

Heute habe ich Dein Päckchen erhalten. Und natürlich war ich gerührt, daß Du Dich daran erinnert hast. Und damit kann ich auch Deine Frage beantworten: Ja, ich wollte, daß dieser Traum da genau so steht, wie er da steht! Aber es ist eben – nur? – Literatur. Das ist alles.

Was Du über Patrick schreibst ist keine Literatur, aber es ist ein Text, der sich von Deinen üblichen Gutachten wohl doch sehr unterscheidet – das weiß ich. Und doch weiß ich gar nicht, was Du da schreibst, und es ist auch nicht wichtig!

In Liebe,

Deine Clara

Interludium: Einmal um den See

Einmal um den See im Kreis in kleineren Kreisen und mit großer Geste in der Septembersonne unter Stieleichen im Garten an trockenen Brunnen und durch die Zeiten im Wind vom See her verzögert und innig

Einmal um den See über das Sprechen und Schreiben in größeren Kreisen und lachend im Gehen die erste Berührung und weiter über das Küssen im Park und genauer auf der Parkbank dort drüben

Um den See und über die Liebe den Fisch und den einsamen Taucher in Kreisen im Wasser die Ideen der Gärtner auf der lichten Fläche der Wiesen über die Brücke gefangen in deiner Geste auf die du verzichtest

Handwerk

Liebe Juliane,

nein, ich will nicht mit Dir sprechen. Ich bin wütend; auch wenn ich weiß, daß Du es sicher so nicht gemeint hast: Ob mir das unterlaufen sei?

„So etwas“ unterläuft mir nicht, und das weißt Du auch! Du schreibst seit Jahren Deine Gutachten – und ich schreibe eben etwas anderes und auch schon seit vielen Jahren. Und ich beherrsche mein Handwerk. Und Du solltest Dein Handwerk, welches wohl darin besteht, Menschen zu lesen und zu interpretieren, auch auf mich anwenden. Und akzeptieren, was ich tue.

Clara

PS: Jetzt habe ich eine Nacht über meine Antwort an Dich geschlafen – aber ich will in meiner Nachricht an Dich nichts ändern. So habe ich es gemeint. C.